Wer
so fragt, stößt auf einen paradoxen Befund. Die neuen Druckmedien erweiterten
die Kommunikation über die Menschen hinaus, die in einer Situation anwesend
waren. Und die gedruckten Texte und Bilder befreiten die Kommunikation von der
Kontrolle, die man noch über Handschriften ausüben konnte. Wer an einen
Luther-Druck gelangte und wo und wie man damit umging (allein oder in der
Gruppe, in der Gelehrtenstube oder auf dem Markt, in der Gemeinde, der
Gebetsbruderschaft oder bei der Hausandacht), das war jetzt offen. Nur deshalb
konnte jene „reformatorische Öffentlichkeit“ entstehen, die soviel zum Erfolg
von Luthers Neuerungen beigetragen hat. Das heißt, die gedruckten Schriften und
Bilder erreichten nicht nur viel mehr Menschen, sie ließen auch ein anonymes
und heterogenes Publikum entstehen. An dieses Publikum aber wandte Luther sich,
als spräche er jede und jeden einzeln an. Viele seiner Flugschriften sind als „Sendschreiben“
gestaltet, als – offene! – Briefe, denen ein persönlich gehaltener
Freundschaftsgruß an einen realen Adressaten vorangestellt ist. Oder Luther
kleidet seine Belehrungen in einen „Sermon“, eine gedruckte Predigt, in der er
als Seelsorger wie zu einer Gemeinde spricht. Die fingierte Mündlichkeit seiner
Schriften stellte also künstlich jene Nähe und Vertraulichkeit wieder her, die
das neue Medium Druck gerade zum Verschwinden brachte.
Man
wird nicht fehlgehen, wenn man darin einen Schlüssel für Luthers Erfolg
erblickt. So verstreut seine Leserinnen und Leser sein mochten, so fern sie
sich standen, durch die Art und Weise, wie Luther sich an sie wandte,
vermittelte er ihnen den Eindruck, zu einer vertrauten Gemeinschaft zu gehören.
Ein Medium für die Kommunikation von räumlich, zeitlich und ständisch Getrennten
nutzte Luther, indem er die Kommunikation wie eine unmittelbare zwischen
Anwesenden gestaltete. Und ein Medium für die Kommunikation mit vielen
unbekannten, unberechenbaren Rezipienten gebrauchte Luther, indem er sie als
Zuhörerschaft und Verbündete ansprach. Luthers Gebrauch der neuen Druckmedien
bestand darin, dass er sie vergessen machte.
Wie
gekonnt dies geschah, lässt sich an Luthers Wahl seiner Textsorten zeigen. Ob
die Disputation, zu der er mit seinen Thesen einlud, wirklich stattfinden
sollte, wissen wir nicht. Klar ist jedoch, indem Luther diese Form der
Einladung wählte, konnte er seinen Angriff auf die Ablassprediger als
ergebnisoffene Wahrheitssuche erscheinen lassen. Von der Freiheit eines
Christenmenschen sollte der päpstlichen Seite ein theologisches
Verständigungsangebot unterbreiten – dafür schien die Form einer dialektischvielstimmigen
Vorlesung geeignet. Und wie immer Luther in Worms wirklich aufgetreten sein
mag, seine Flugschrift mit der vermeintlich sachlich-dokumentarisch
wiedergegebenen Wechselrede legte sich über das reale Ereignis und hat dessen
Wahrnehmung erfolgreich bestimmt. In der Wahl der Textsorte steckt also Kalkül.
Die Mündlichkeit ist medial fingiert. Der Eindruck von Authentizität beruht auf
Rhetorik.
Man
sollte diese beiden Dimensionen von Luthers Äußerungen nicht gegeneinander ausspielen.
Dass Luthers Äußerungen medial vermittelt und rhetorisch kalkuliert sind, nimmt
ihnen nichts von ihrer Radikalität. Es gibt ihnen vielmehr eine historische
Signatur. Es weist Luther durch seine Medienkompetenz als einen Menschen der
Neuzeit aus.
Der
Verfasser ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität
Paderborn